U-Verlagerung "Anhydrit" - Projekt "B3a"

U-Verlagerung AnhydritDie Untertage-Verlagerung "Anhydrit" befindet sich in der Nähe von Nordhausen. Sie gehörte dem Komplex "Mittelbau", dem größten untertägigen Bauprojekt im Zweiten Weltkrieg überhaupt, an. Bekannt ist der Mittelbau bei Nordhausen durch die unterirdische V-Waffen-Produktionsstätte "Mittelwerk" und natürlich von dem ehemaligen Lager "Dora", wo bis Kriegsende viele Menschen leiden und ihr Leben lassen mussten.
Doch zum Arbeitslager "Dora" und zum "Mittelwerk" gibt es auf unserer Seite einen eigenen Bericht.
Zurück zu der nordwestlich vom Kohnstein liegende Anlage "B3a":
Wie fast alle B-Projekte war auch die U-Verlagerung "Anhydrit" ein neu zu erstellendes Stollensystem. Baubeginn der Anlage "Anhydrit" war im März 1944. Bei Fertigstellung der Rüstungsfabrik "B3" sollte sie zusammen mit dem Projekt "B3b" eine Produktionsfläche von 400.000 Quadratmetern haben. Das Projekt "B3" setzte sich also aus den beiden Untertage-Verlagerungen "B3a", "B3b", einem Barackenlager sowie einem Bahnhof zusammen.
Das Barackenlager, auch Zivilarbeiterlager Woffleben genannt, lag direkt an der Zorge zwischen Woffleben und Bischofferode. Es bestand aus etwa dreißig Baracken für die Unterbringung der Zivilarbeiter, zwei Baracken für den Planungsstab, zwanzig Baracken für die Unterbringung der Baufirmen samt Bergleuten und zwölf Baracken mit Lagerhallen und Werkstätten. Zudem gab es noch eine Großküche, vier Trafostationen, zwei Pumpenhäuser, eine Kläranlage, ein Baustofflager, weitere Gebäude für die Wachen und ein Pförtnerhäuschen. Auf dem ebenfalls auf dem Gelände befindlichem Rangierbahnhof waren mehr als sechs Kilometer Reichsbahngleise verlegt worden. Unter der Führung des SS-Führungsstabs B3 wurden 300 Häftlinge nach Bischofferode gebracht, welche das eigentliche Barackenlager und die Gleisanlagen errichten mussten. Das Lager Woffleben war neben dem Lager Dora das zweite Außenlager des KZ-Buchenwald im Harz.
U-Verlagerung AnhydritDie Untertageanlage wurde direkt neben dem Barackenlager in das Gipsgestein getrieben. In den gut 60 bis 80 Meter hohen Steilwänden wurden 24 Hauptstollen in das Gebirge getrieben. Die Stollen wurden mit Querschlägen verbunden, so daß Kammern, die eigentlichen Produktiosräume, entstanden. Von Oben betrachtet, oder auf einem Grubenriss sieht die Anlage ähnlich wie ein Netz oder Gitter aus. Die gleiche Bauweise ist in allen Stollenneubauten, insbesondere der Geilenberg-Projekte, zu finden. (zum Beispiel: U-Verlagerung "
Eisenkies" oder "Basalt")
Zuvor wurde ein neu entwickeltes geheimes Pionier-Bohrgerät auf der Baustelle erstmals getestet. Das Bohrgerät wurde zuvor im Pionier-Ausbildungs-Bataillon in Höxter an der Weser entwickelt und leistete gute Dienste bei der geophysikalischen Voruntersuchung des Gebirges. Nach Abschluss der Untersuchungen begann der Vortrieb der Stollen.
Auf einer Länge von zwei Kilometern befinden sich 20 Stollenmundlöcher am Westhang des Berges. Von der Südseite führten drei, und von der Nordseite ein Fahrstollen in die riesige Anlage. Die Hauptstollen hatten eine Höhe von 8,50 Meter und eine Breite von 12,50 Metern. Der beim Stollenvortrieb heraus gesprengte Gips wurde vor Ort auf Loren geladen, welche dann das Gestein mittels einer Schmalspurbahn auf die drei Kilometer entfernte Halde beförderte. Von dort aus sollte der hochwertige Anhydrit-Gips weiterverkauft werden. Der Stollenvortrieb betrug 2 Meter pro Tag und Schicht, wobei im Schichtbetrieb, sprich 24 Stunden am Tag im Stollen gearbeitet wurde. Der Einbau der Klimaanlage folgte dem Stollenvortrieb, wobei sie zunächst in den fertigen Stollenstrecken provisorisch eingebaut wurde. Die Stromversorgung der Großbaustelle erfolgte aus zwei Energie-Erzeugungsanlagen, die am Rande des Kohnsteins standen und auch die anderen Baustellen und Untertage-Anlagen mit Strom versorgten.
Die Herstellungskosten des Projektes "B3a" waren mit 50 Millionen Reichsmark veranschlagt worden, wobei fast 40 Millionen Reichsmark allein für den Bau der Untertage-Verlagerung "Anhydrit" benötigt wurden. Obwohl die Anlage erst zu einem Viertel voran getrieben war, bezog im Februar 1945 die Rüstungsindustrie die bereits fertigen Stollen im westlichen Teil des Stollensystems.
U-Verlagerung AnhydritDie beiden Firmen, die in die Stollen einzogen waren die Flugzeugwerke "Oder AG" und "Schönefeld AG", welche beide zum Henschel-Konzern gehörten. Unter der Leitung von Professor Herbert Wagner, welcher auch maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung aller Hs-Raketentypen war, sollte in der Anlage "Anhydrit" eine Entwicklungsstation und eine Fertigungsstätte für Raketen entstehen.
In die fertigen Stollen und unterirdischen Hallen wurde zunächst eine Entwicklungsstation für die Raketentypen Hs 117 (Schmetterling) und Hs 298 errichtet. Der "kleine" Teil der Rüstungsfabrik, die Entwicklungsstation, hatte schon die enorme Größe von 100.000 Quadratmetern. Der noch im Bau befindliche Teil der Untertageanlage sollte der Fertigung von Raketen dienen. Die Endproduktion sollte also eine Produktionsfläche von 300.000 qm haben.
Bis zum Ende des Krieges waren die Stollen, die von der Westseite in den Berg getrieben wurden, etwa 240 Meter lang. Der Pilotstollen von der Nordseite hatte eine Länge von 180 Metern. Von den über 100 geplanten Querschlägen waren bereits 16 fertig. Die Drei aus südlicher Richtung streichenden Stollen erreichten bei einer Länge von 1.100 Metern die Kammern. Zur unterirdischen Raketenproduktion ist es nicht mehr gekommen.

Die U-Verlagerung "Anhydrit" heute:
Das fertiggestellte Stollensystem ist noch vorhanden. Die Stollenmundlöcher wurden nach dem Kriege fast alle gesprengt. Eines der Stollenmundlöcher an der südlichen Steilwand wurde vor einigen Jahren aufgewältigt. In der Stollenstrecke fand man einige Exponate, wie Loren und eine Lok, die nun in der Gedenkstätte "KZ-Dora" ausgestellt werden. Ein anderer Teil der Anlage "B3a" diente bis vor kurzem noch einem Champignonzüchter als Aufzuchtsstätte der begehrten Speisepilze. Alle Einbauten und auch die Raketenteile sind aus der Anlage entfernt worden, so das man heute nichts Besonderes mehr in den Stollen finden kann. Für sogenannte "Schatzjäger" gibt es hier also nichts mehr zu finden. Glück Auf...

 

Werwaswiewannwo:

Quellen:
Geheimprojekt Mittelbau, Wichert, Final Report 1-3, Geheime Kommandosache
Besuch der Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Wenn wir nach Nordhausen brausen, Juli 2006:
Untertage: Bergmann, Eismann
Übertage: Erik, Georg, Marcel, Philipp (ich muss noch eben einkaufen...)
Fotos und Bericht: Baron von Hüggelberg, Juli/August 2006
Fahrer: Björn, Marcel und Philipp
Computerarbeiten: Fackel und Eismann

(c) Das 7Grad-Team 2006

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