U-Verlagerung “Kauz”

Prolog - Bunkersportler auf’m Golfplatz:
Lore vor dem Laden von Geleucht.de
Nach einem Besuch bei Marco von
Geleucht.de bzw. Olsk.de in Hagen fuhren wir in das benachbarte Wuppertal, um in den ehemaligen Ländereien des Grafen von Berg die Reste der Untertage-Verlagerung mit dem Decknamen "Kauz" zu suchen, zu finden und natürlich zu erkunden. Die U-Verlagerung Kauz war, wie anhand des aus der Ornithologie stammenden Decknamens unschwer zu erraten ist, in einem alten Reichsbahntunnel untergebracht. Doch dieser Tunnel, Scheetunnel heißt er übrigens, war gar nicht so leicht zu finden, wie sich herausstellte. Wir hatten den sich in Wuppertal-Nächstebreck befindlichen stillgelegten Reichsbahntunnel schon im Vorfeld anhand alter und neuer Karten bis auf wenige Meter lokalisiert und wussten, dass die Strasse zu seinem Nordportal "Tunnelweg" heißt. Aber diese Strasse entpuppte sich als Sackgasse und endete auf einem Hof, wo das Parken unmöglich war.

Verirrt auf dem GolfplatzAlso fuhren wir zurück auf den Berg und suchten uns eine Parkmöglichkeit an einem der zahlreichen Golfklubs. Zwischen den Autos der Golfer parkten wir das 7Grad-Mobil, kramten unser Gezähe zusammen und liefen durch ein Waldstück in die ungefähre Richtung der Nordportale des Doppeltunnels. Doch wie wir auch liefen, wir landeten zwangsläufig immer wieder auf einem der riesigen Golfplätze im Norden von Wuppertal. Nach einiger Zeit hatten wir das Suchen entlang der Golfbahnen satt und wagten uns auf den sensiblen Golferrasen. Wir fragten die vornehmlich in weiß gekleideten Herren nach dem genauen Standort vom Scheetunnel. Zunächst bekamen wir unterschiedlichste Verirrt auf dem GolfplatzWegbeschreibungen, aber ein netter Herr konnte uns dann endlich den genauen Standort des Tunnels verraten. Danach liefen wir schnurstracks inmitten von tief fliegenden Golfbällen, Tees und SandBUNKERN in Richtung der Tunnelportale. (Dabei hatte ich die ganze Zeit
das Lied "Der nackte Golfer" von Knochenfabrik im Ohr...   ...Olly) Nach einiger Zeit fanden wir auch die alte Bahntrasse, folgten ihr in Richtung Gebirge und wussten:
Gleich sind wir an der ehemaligen...

U-Verlagerung Kauz:
Nordportal Scheetunnel - U-Verlagerung Kauz in Wuppertal
Der Scheetunnel befindet sich in Wuppertal-Nächstebreck und verläuft von Süden nach  Norden (und umgekehrt) durch das Sandsteingebirge im Wuppertaler Norden. Durch den Tunnel führte damals die Bahnlinie von Wuppertal nach Hattingen und Bochum. Er besteht  aus zwei parallel verlaufenden Tunnelröhren und hat eine Länge von 721 Metern. Im südlichen Drittel beschreibt der Scheetunnel eine leichte Rechtskurve, so dass man das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen kann. Die beiden Röhren haben eine Höhe von 5,50 Metern und eine Breite von 5,10 Metern (westlicher Tunnel) bzw. 4,90 (östlicher Tunnel). Der westliche Tunnel wurde im Jahre 1884 fertig gestellt. Über dem östlichen Tunnelportal ist die Jahreszahl 1902 zu erkennen, ausserdem ist diese Röhre mit einer Mauer versiegelt, aber ein Loch in der Vermauerung ließ uns einen Blick ins Innere riskieren. Wir stehen nun vor dem Nordportal der beiden Tunnel und beschließen zunächst die rechte, offen stehende Röhre, also den Westtunnel komplett zu durchlaufen und uns dann die südlichen Portale anzuschauen. Wir wollten schließlich auch noch Aussenfotos von den Portalen machen, solange das Wetter noch gut war und es noch nicht dunkel wurde. Gesagt, getan. In diesem Teil vom Scheetunnel waren fast keinerlei Reste von Einbauten zu finden. Das Liegende besteht aus einem alten Gleisbett aus Schotter und einigen Wasserstellen. Was uns auffiel, war dass es in dem Westtunnel übermäßig viele Ausweichbuchten gab. In einer der Ausweichbuchten entdecken wir eine kleine Schieferschicht im Gebirge. Desweiteren fanden wir zwei Flügelörter in dem Westtunnel, welche in den Osttunnel führten. Nachdem wir den ersten Reichsbahntunnel durchquert hatten, fanden wir uns in einer extrem zugewachsenen Bahntrasse wieder und blickten auf das Südportal.
Süddportal Scheetunnel - U-Verlagerung Kauz in WuppertalAuch auf dieser Seite ist der Osttunnel zugemauert. Wir entdeckten einen kleinen “Bunker” in der Schlucht, die an einer Seite mittels Betonschilder gegen Steinschlag abgesichert wurde. Nach einer kurzen Pause ging es wieder zurück in den alten Reichsbahntunnel, in die von uns geliebte Dunkelheit. Wir gingen durch einen der Zwischenräume in den Osttunnel. Als wir das Licht anknipsten (Handstrahler, 200 Watt) und das Tunnelinnere erblickten, war uns sofort klar: Hier war die unterirdische Rüstungsfabrik untergebracht! In dem östlichen Scheetunnel waren keinerlei Anzeichen mehr zu finden, die auf eine Bahntrasse schlossen. Dafür fanden wir aber viele Reste von Einbauten der ehemaligen U-Verlagerung Kauz im Bergischen Land / Westfälisches Ruhrgebiet. Über die komplette Tunnellänge erstreckte sich im Zweiten Weltkrieg ein Kran unter der Decke. Die abgesägten Doppel-T-Stahlträger, an denen der Schwerlastkran hing, ragen noch aus den Wänden. Ausserdem fanden wir noch zahlreiche betonierte Einbuchtungen, Maschinensockel und die Räume der ehemaligen Be- und Entlüftungsanlagen der Untertageanlage. Die Ventilatoren waren nicht mehr vorhanden und die Luftdurchlässe vermauert. Die U-Verlagerung mit dem Decknamen Kauz war zur Endmontage der Düsenjäger Me 262 eingerichtet worden. Wie fast alle U-Verlagerungen, die in Eisenbahntunneln im Bergischen Land untergebracht waren, wurde auch in Kauz sehr früh schon produziert. Nach einer Bauzeit von etwa 3 Monaten konnte die Firma Homann aus Wuppertal-Vohwinkel im August 1944 mit ihrer Arbeit beginnen.

U-Verlagerung Kauz - WesttunnelU-Verlagerung Kauz - WesttunnelU-Verlagerung Kauz - WesttunnelU-Verlagerung Kauz - Westtunnel

U-Verlagerung Kauz - WesttunnelU-Verlagerung Kauz - OsttunnelU-Verlagerung Kauz - OsttunnelU-Verlagerung Kauz - Osttunnel

 

Zwangsarbeiter montierten die Rumpfspitzen an die Flugzeuge. Die Firma Homann wurde im Jahre 1902 in Wuppertal-Elberfeld gegründet und stellte unter der Leitung von Inhaber Willy Homann zunächst Gaskochgeräte und Öfen her. Später, im Jahre 1937, nach einem Neubau der Werksanlagen in Wuppertal-Vohwinkel stellten die Homann-Werke bereits Großkochanlagen her, die sie an amtliche Beschaffungsstellen, insbesondere an die Luftwaffe und das Heer lieferte. Im März 1940 stellte sich die Firma Homann dann komplett um: Sie fungierte nun als Rüstungsfabrik! Bis sie im Jahre 1944 in das "Jägerprogramm" des dritten Reiches aufgenommen wurde, stellte das Werk zunächst noch Bombenabwurfbehälter vom Typ "AB 36" her. Danach wurde die Produktion von Teilen für den ersten flugfähigen Düsenjäger der Welt (Me 262) aufgenommen. Die Produktionsfläche der unterirdischen Fabrik hatte eine Größe von 3300 Meter². Die von dem Jägerstab vergebene Konstruktionsnummer der U-Verlagerung Kauz war die Nr. 266, was den frühen Produktionsbeginn unterstreicht.
Siehe auch:
Nr. 243 - Meise,
Nr. 255 - Falke,
Nr. 264 - Buchfink,
Nr. 265 - Goldammer,
Die oben genanten sind Untertage-Verlagerungen in unmittelbarer Nähe von Kauz bei Wuppertal und Schwelm. Wie für die genannten Anlagen und die
U-Verlagerung Rebhuhn, war die OT-Einsatzgruppe IV mit Sitz in Essen verantwortlich für die Anlage Kauz, die auch veranlasste, den Reichsbahntunnel im Mai 1944 zu sperren und zur unterirdischen Rüstungsproduktion umzubauen. Laut "Wichert" soll sich die Rüstungsproduktion lediglich auf die Rumpfspitze des Düsenjägers konzentriert haben, aber Zeitzeugen berichteten, dass komplette Flugzeuge des Typs Me 262 (bis auf das Triebwerk) das Werk verlassen haben sollen (Quelle für diese Behauptung: “Ausländer im "Arbeitseinsatz" in Wuppertal” - ISBN: 3-87707-609-2). Dies ist schwer vorstellbar, wahrscheinlich waren die Rümpfe komplett aber ohne Tragflächen und ohne Triebwerke montiert und für den Weitertransport per Bahn vorbereitet worden.
In den beiden Verbindungsgängen und den angeschlossenen Räumen zwischen den beiden Tunneln befanden sich die Büros und die Küchen der Fabrik. Die beiden Flügelörter (Räume) zwischen den Tunneln befinden sich jeweils etwa 100 Meter vom Eingangsportal entfernt im Tunnel.
 

Nördlicher Zwischenraum - U-Verlagerung KauzNördliche Belüftungsanlage - U-Verlagerung KauzSüdliche Belüftungsanlage - U-Verlagerung KauzGegenüberliegende Belüftungsanlage - U-Verlagerung Kauz

 

Eine Trafostation war ungefähr in der Mitte des Osttunnels untergebracht. Sie transformierte den Starkstrom auf 220 bzw. 380 Volt herab. Der Standort der Trafostation ist heutzutage ebenfalls noch zu erkennen. Der Westtunnel diente in der Zeit der Rüstungsproduktion lediglich zur Ent- und Beladung der Bauteile für die Jagdflugzeuge. Die Arbeiten wurden von 400 Ostarbeitern (überwiegend Russen) durchgeführt. Diese mussten in einem Barackenlager in der Nähe des Nordportals wohnen. Die deutschen Vorarbeiter fuhren mit der Bahn direkt in die U-Verlagerung Kauz. Die Wasserversorgung wurde mittels einer Quelle und einem Wasserbunker, welche sich vor dem Südportal befanden, gewährleistet. Ob die beiden Tunnelenden zwecks der Trümmer- und Bombensicherheit schon im Jahre 1944 vermauert wurden, entzieht sich leider unser Erkenntnis. Die matten Wetter wurden mittels zwei sich an den Tunnelenden befindlichen Ventilatoren abgesaugt und durch Frischluft ersetzt. Die Reste der Wetterhaltungsmaschinen sind noch vorhanden. Ausserdem kann man in dem Osttunnel noch eine Vielzahl von verrosteten Metallteilen, Kabeln und Betonteilen aus dem Rüstungsbetrieb aus dem Zweiten Weltkrieg entdecken. Nachdem wir noch einige Fotos der Anlage "Kauz" gemacht hatten, verließen wir die doch sehr beeindruckende U-Verlagerung wieder und machten uns langsam auf den Weg zurück nach Münster. Wir hatten ja schließlich noch eine Kiste "Schwelmer" im Kofferraum...

Noch watt:
Noch Ende März 1945 wurde die Produktion des Düsenjägers Me 262 der Firma Homann in ein Eisenerzbergwerk in Thüringen, nahe der Stadt Kahla, verlegt. Diese unterirdische Rüstungsfabrik unterstand den Reimahg-Werken (Reichsmarschall Hermann Göring) und hatte den Decknamen "Schneehase" - Siehe auch:
Reimahg.de (externer Link).

Wir waren am 19.07.05 vor Ort, machten Fotos, liefen auf dem Golfplatz umher und kauften eine Kiste Schwelmer Bernstein für zu Hause: Erik, Georg und Eismann
7Grad-Mobil: Erik
Web: Georg und Eismann
Recherche und Text: Eismann

[Quellen:
“Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des zweiten Weltkrieges”, Hans Walter Wichert;
Ausländer im Arbeitseinsatz in Wuppertal, Florian Speer, ISBN 3-87707-609-2, 2003
;
J.I.O.A. Final Report No. 2 - German Underground Installations, Washington, D.C., 1945]

 

U-Verlagerung Kauz - Nordportal - Befahrungsgruppe v.l.n.r: Georg, Erik (Fleischer), Olly

Mehr U-Verlagerungen in Reichsbahntunneln gibbet unter:
Rebhuhn, Meise, Goldammer, Buchfink und Falke.
Oder bei
Nebenbahnromantik.de (Viele alte Bahnstrecken im Sauerland sowie die U-Verlagerung Birk/Meise2 im Heinsberger Tunnel)

Obwohl sich die U-Verlagerung Kauz in einem Ballungsgebiet befindet, war dort kaum Müll zu entdecken! (Nicht so wie in der U-Verlagerung Rebhuhn in letzter Zeit, obwohl dort fast niemand wohnt!!!!) Hut ab, sehr günther!

Damit das auch so bleibt, bitten wir Euch, Euren Dreck und Müll wieder mitzunehmen. Danke!

Viel Spaß bei der Befahrung - es lohnt sich! Und denkt an Gummistiefel (sehr nass), Helm (vor allem der Westtunnel ist sehr alt) und an starkes Geleucht (Nebel im Tunnel ).

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Glück Auf...
(c) D7GT 2005

 

 

 

 

 

Kauz