Fledermaus und fiese Funde In der Unterwelt: Münsters Bunkerfreunde "7-Grad" Vor und während des zweiten Weltkriegs übergoss das emsige Arbeiterheer der "Organisation Todt" ganz Europa mit Millionen Tonnen Beton, um das Dritte Reich vor den Millionen Tonnen Bomben der Alliierten zu schützen (mit dem bekannten Erfolg). Hobbyarchitekt Hitler entwarf in seiner Freizeit sogar ständig neue Bunkertypen: eine meterdicke Kiesschicht zwischen zwei Betonkuppeln sollte Bombentreffer "abfedern". das Modell setzte sich unter Experten nicht durch. besonders vom so genannten "Atlantikwall" war Bunkerfan Hitler derart begeistert, dass er bekannt gab: "Für eine Invasion bleiben den Alliierten nur drei Landungsmöglichkeiten: Spanien, Holland oder Norwegen!" Nun ja... Alte Kolosse Das tausendjährige reich war nicht von langer Haltbarkeit; seine Betonkolosse sind dagegen scheinbar unkaputtbar - ganz im Gegenteil zu heutigen Qualitätsstandards im Bau... Weil viele Bunker Sprengungsversuche unbeeindruckt überstanden, liegen sie noch heute verwunschen und vermoost wie große Fossilien herum. Andere fanden eine zivile oder erneut eine militärische Nutzung. Hitlers Architekt Speer fand Bunker bedrückend und meinte, man fühle sich unter dem meterdicken Beton wie lebendig begraben. Aber es gibt Leute, die von der unheimlichen Grabesatmosphäre fasziniert sind: Die Unterwelt von Berlin etwa mit ihren toten U-Bahn-Schächten, tiefen Geisterbahnhöfen, vergessenen Riesen-Brauereikellern (etwa unter dem Kreuzberg) und dem weitverzweigten Bunkersystem der Nazis ist ein Eldorado für urbane Höhlenforscher. Dieses Hobby ist schaurig-spektakulär, aber keineswegs ungefährlich. Ganz Mutige (oder verrückte) tauchen sogar in die trübe Brühe gefluteter Schächte und Keller. Wer dabei zuviel Schlamm aufwirbelt und die Sicht verliert, bleibt als grausiger Fund für die nächste Expedition zurück... Abenteuer Bunker Münster. Weil auch hier alliierte Bomber wegen schlechten Wetters, Flak-Beschuss, oder Spritmangel manchmal nicht dazu kamen, ihre Last über der Stadt abzuwerfen, ließen sie auf dem Nachhauseweg ihre Bomben eben auf das Münsterland hageln. Deshalb hatte fast jeder Hof einen privaten Splitterschutzbunker. In der Stadt gab es für diesen Zweck öffentliche Bunker. An den Eingängen war mit phoreszierender Farbe der Hinweis "LR" (Luftschutzraum) angebracht, was der Volksmund in "Letzte Ruhestätte" uminterpretierte - und damit eine gewisse Skepsis hinsichtlich der Haltbarkeit äußerte. Doch auch in Münster finden Bunkerfreunde bis heute viele Exkursionsobjekte. Geheim, geheim... Georg Sehrbock und Olly Stoy haben das Expeditionsteam 7 Grad gegründet, um Münsters Bunkern buchstäblich auf den Grund zu gehen. Der Name des Teams bezeichnet übrigens die durchschnittlich konstante Innentemperatur von Bunker- und Stollenanlagen (sein Bier sollte man da trotzdem nicht lagern...). Eines wollen Georg und Olly von vorneherein vehement klarstellen: sie geben niemals Lage- oder Einstiegshinweise an Amateure, weil das Betreten vieler Anlagen lebensgefährlich ist, und sie wollen nichts mit Spinnern zu tun haben, die mal ein bisschen "Führerbunker" spielen wollen! Trotzdem kommt man nicht an der Geschichte der Nazizeit vorbei, wenn man sich für Bunker interessiert. Unter dem geheimen Decknamen "Herbstwald" wurde in den Baumbergen eine Bunkeranlage für das Generalkommando der Wehrmacht im Wehrkreis Westfalen errichtet. Die drei Haupteingänge sind heute stark verfallen oder zugemauert. Das 7-Grad-Team fand dennoch einen Einstieg - und den Brunnenschacht der Wasserversorgung. Hier seinen Durst zu stillen, erscheint allerdings nicht ratsam... Fürs Nachtgetier Der größte unterirdische Bunker in Münster ist der Tiefbunker unter dem Hauptbahnhof. Rund 2.000 Personen sollen hier im Katastrophenfall Schutz finden (wie beruhigend...). Die Anlage erstreckt sich in einigen Metern Tiefe vom Osteingang am Bremer Platz bis zur Wollbecker Straße. Neben den 13 Hochbunkern, die der Stadt teilweise als Lagerräume dienen (etwa für die städtische Weihnachtsbeleuchtung), haben auch andere Betonriesen inzwischen eine friedliche und sinnvolle Nutzung gefunden: eine ganze Reihe von Bunkern ist ganz offiziell zum FMSB erklärt worden - zum Fledermaus-Schutzbunker. Um es den Nachtjägern schön gemütlich zu machen, wurden diese Anlagen bis auf schmale Einflugschlitze verschlossen. Risk & Fun Das erste und gleich bisher spektakulärste - sowie weitaus gefährlichste - Unternehmen von 7 Grad führte Georg und Olly ins Siebengebirge: in die "Ofenkaulen" bei Königswinter. Dieses Stollensystem erstreckt sich kilometerweit und bis zu drei Sohlen tief unter der Erde. Seit dem Mittelalter wurde hier Tuffstein abgebaut. Während des Krieges schufteten hier Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie. Versuche der Alliierten, die Stollen zu sprengen, schlugen fehl. Trotzdem (bzw. deshalb) herrscht überall akute Absturz- und Einsturzgefahr! Georg und Olly: "Das ist kein Spielplatz. Bei Sprengungsversuchen fiel ein 4 Meter dicker Stützpfeiler um. Die Decke dieser Sohle ist also seit Jahrzehnten ohne Stütze! Vor zehn Jahren stürzte ein Teil ein - der Schuttberg ist drei Meter hoch. Wenn hier was passiert, kann man lange auf Hilfe warten, denn Handys funktionieren da unten nicht." Georg und Olly wagten sich trotzdem einen Kilometer in die Gänge hinein und fanden Inschriften und Utensilien der Zwangsarbeiter: Schuhe, Metallteile, Werkzeuge. Benehmen ist alles Leider fanden sie auch ungeheuer viel Müll anderer Bunkertouristen. Deshalb hat 7 Grad eine Art Bunkerknigge mit vernünftigen Verhaltensregeln für Untergrundfreunde zusammen gestellt: Fackelqualm, Licht und Lärm stört die Fledermäuse. Von Anfang Oktober bis Mitte April halten die Tierchen Winterschlaf. Weckt man sie, verbrauchen sie ihre Kraftreserven, finden keine neue Nahrung und deshalb den Tod. Das will man natürlich nicht. Die erfahrenen Expediteure raten dringend davon ab, sich in Bunkern, Stollen und Höhlen zu besaufen. Es ist schon vorgekommen, dass betrunkene Bunkerfreunde den Abriss oder sie Zubetonierung ihres Partyquartiers wegen komatösen Zustands verschlafen haben. Außerdem meinen Georg und Olly, wer stark genug ist, Bier und Chips in den Untergrund hinein zu tragen, ist auch kräftig genug den Abfall wieder mit hinaus zu nehmen. Das sollten sie mal den Pennern sagen, die so gerne ihre Kernbrennstäbe in Salzbergwerken vergessen... Wem der Abstieg in die Bunkerwelt zu gruselig ist, der kann das 7-Grad-Team auch bei komfortabler Zimmertemperatur begleiten: Unter www.7grad.org findet ihr ein sagenhaft umfangreiches Bilderarchiv! Carsten Krystofiak